27. Oktober 2026 | Agentic Payment im Online-Handel
Am 27. Oktober 2026 fand erneut eine Veranstaltung im Rahmen der Ringvorlesung „Automatisierte Systeme“ in hybrider Form statt. Hierzu hatte der Lehrstuhl für Zivilrecht, Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht (Prof. Dr. Buck-Heeb) zusammen mit dem Interdisziplinären Institut für Automatisierte Systeme e.V. (RifaS) eingeladen.
Dieses Mal konnte Herr Prof. Dr. Pedro-José Bueso Guillén gewonnen werden, der derzeit Gastwissenschaftler an der Juristischen Fakultät der Leibniz Universität Hannover ist. Er ist Professor für Handels- und Wirtschaftsrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Zaragoza, Spanien. Derzeit und bis 2027 ist er Co-Leiter des Forschungsprojekts des spanischen Ministeriums für Wissenschaft und Innovation zum Thema „Blockchain und Wirtschaftsrecht (2): Big Data, Fintech und der Schutz von Nutzern von Finanzdienstleistungen“. Seit mehr als 20 Jahren leitet er die Forschungsgruppe der Regierung der Region Aragonien „Legal Management of Innovative Business, Instruments and Organisations“ (LegMiBIO) und ist Mitglied des spanischen Akademischen Netzwerks für Wettbewerbsrecht (RADC).
Der Vortrag von Prof. Bueso Guillén beschäftigte sich mit den Auswirkungen von KI auf die Erbringung von Zahlungsdienstleistungen in Form des sog. Agentic Payment. Dabei wird die KI mit ausreichender Autonomie ausgestattet, um auf Basis eines vorab erteilten Auftrags im Namen des Nutzers Kaufentscheidungen zu treffen. Der KI-Agent tätigt also Käufe gemäß vom Nutzer festgelegten Regeln.
Aufgezeigt wurde, dass dies zu einem Paradigmenwechsel im Online-Handel führt. Das vorgestellte Szenario ist nämlich nicht nur vage Zukunftsvorstellung, sondern das (vorläufige) Ende einer Entwicklung, die mit dem bloßen E-Commerce begonnen hat, hin zu einem Agentic- bzw. AI-Commerce. Als aktuelle Beispiele für bereits erfolgte Einsätze wurden „Mastercard Agent Pay“ im Pilotbetrieb mit der Banco Santander sowie „Visa Agentic Ready“ im Pilotbetrieb mit z.B. der Commerzbank und mit Revolut angeführt. Dass für die Anwendung der Schutz vor Betrug und die Erkennung von Betrug ausgesprochen erheblich ist, führt zu breiten Sorgfaltspflichten der Anbieter. Als weiteren Anwendungsfall nannte der Referent z.B. die Bonitätsprüfung und Kreditbewertung.
Auf rechtlicher Ebene konstatierte Prof. Bueso Guillén, dass „Agentic Payment“ kein Rechtsbegriff ist. Selbst die relativ neue KI-Verordnung oder die neue EU- Zahlungsdiensterichtlinie sehen hierzu nichts vor. Agentic Payment meint Finanztransaktionen bzw. Zahlungen, die autonom und intelligent von KI-Agenten initiiert, verwaltet und ausgeführt werden, die im Namen eines menschlichen Nutzers auf der Grundlage vordefinierter Regeln handeln. Der KI-Agent wählt unabhängig bzw. autonom das Zahlungsmittel und den Zahlungszeitpunkt sowie den Abwicklungskanal aus, ohne dafür eine konkrete Autorisierung durch den Menschen zu haben. Unklar ist, wer die Verantwortung für Fehler trägt. Die KI- Agenten treffen Entscheidungen und setzen diese auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeit und Kontext um. Dabei stellt sich das Problem der Konsistenz und Nachvollziehbarkeit ihrer Entscheidungen.
Eingegangen wurde auch auf die Vorteile von agentgesteuerten Zahlungen, und zwar für den Markt, für den B2C-Nutzer sowie den B2B-Nutzer. Auf der anderen Seite sind auch zahlreiche Kosten und Risiken zu verzeichnen. Das gilt auf Seiten des Zahlers (Verbrauchers), des Zahlungsempfängers (Händlers) sowie der Finanzinstitute als Zahlungsdienstleister und dem Zahlungsdienstemarkt.
Der Referent widmete sich schließlich den regulatorischen Fragen im Zusammenhang mit agentgesteuerten Zahlungen. Bislang existieren noch keine direkten Regelungen zu diesem Komplex, obwohl zahlreiche Fragen sich mit dem bestehenden Regularium nicht beantworten lassen. Anschaulich wurde dargestellt, dass derzeit ein komplexer regulatorischer Rahmen mit nicht aufeinander abgestimmten und z.T. sogar widersprüchlichen Zielen und unterschiedlichen Umsetzungsmöglichkeiten bei Richtlinien besteht. Das führt zu erheblicher Rechtsunsicherheit und regulatorischem „Forum Shopping“.
Eingegangen wurde v.a. auf Spannungsfelder im Bereich des Datenschutzes, der KI-VO, der DORA sowie im Rahmen der Zahlungsdiensterichtlinie und Zahlungsdiensteverordnung (PSD2 bzw. die neue PSD3 und PSR). Kritisch zeigte sich der Referent dazu, dass die EU- Kommission erwägt, diese KI-Systeme in eine neue rechtliche Kategorie einzuordnen: beaufsichtigte digitale Akteure; auf halbem Weg zwischen Software und einem Rechtssubjekt.
Zum Schluss sprach Prof. Bueso Guillén noch Fragen aus vertragsrechtlicher Perspektive an. Er stellte Überlegungen zu den allgemeinen Vertragsregelungen an. Spannend waren auch die Ausführungen zur Einwilligung, Autorisierung und Authentifizierung von Zahlungen. Die bestehenden Regelungen sind für Menschen konzipiert, nicht für KI-Agenten. Große Probleme ergeben sich durch die Fragmentierung der Zahlungskette. Daher ist es nach Ansicht des Referenten dringend erforderlich, die Zahlungsdienste neu zu regulieren.
An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion sowohl über die rechtliche Regulierung von KI-Agenten an, als auch die vertraglichen Grundlagen, wie z.B. die Frage der Abgabe einer Willenserklärung und die Stellvertretung. Ungeklärt ist auch die Frage des Widerrufs des Zahlungsvorgangs.






